Was ist die Säule 3b?
Die Säule 3b ist die freiwillige private Vorsorge — die «freie Vorsorge» im klassischen Sprachgebrauch der Schweizer Pensionswelt. Im Gegensatz zur gebundenen Vorsorge (Säule 3a) gibt es hier keine gesetzlich festgelegten Beitragslimiten, keine fixen Bezugstermine und keine bindenden Vorgaben zur Anlageform. Arbeitnehmer und Arbeitgeber können gemeinsam oder einzeln Beiträge in Police, Sparform oder Fondsgefäss leisten — gewählt pro Versicherer, Bank oder Fintech-Anbieter.
Im Drei-Säulen-Modell der Schweiz steht die Säule 3b neben der 1. Säule (AHV/IV), der 2. Säule (Pensionskasse/BVG) und der gebundenen Vorsorge Säule 3a. Sie ist die einzige der drei Säulen ohne BVG-Obligatorium — eine freiwillige Zusatzvorsorge, die vor allem dort greift, wo die staatlichen und beruflichen Vorsorgen Lücken lassen: bei Einkommen oberhalb des Koordinationsabzugs, bei Selbständigen ohne Pensionskasse und überall dort, wo das Sparziel von Säule 3a (CHF 7'258 im Jahr 2026) nicht reicht.
Freiwillig, flexibel, voll abzugsfähig. Kein BVG-Obligatorium. Keine fixe Maximalbeitragsgrenze (Deckel in der Praxis: ca. 20 % NEE / CHF 34'416). Kein fixer Bezugstermin. Beiträge sind Vorsorgeaufwand und voll vom steuerbaren Einkommen abziehbar. Bezüge werden als normales Einkommen versteuert (kein privilegierter Kapitalbezugstarif wie bei 3a).
Wer kann in die Säule 3b einzahlen?
Grundsätzlich kann jeder erwerbstätige Erwachsene in eine Säule-3b-Lösung einzahlen — die formellen Hürden sind tief. In der Praxis zeigt sich aber ein klares Profil der typischen Einzahler:
- Angestellte mit Pensionskasse: Wer bereits BVG-pflichtig versichert ist (Lohn ≥ BVG-Eintrittsschwelle 2026: CHF 22'050), kann in der Säule 3a nur noch die Hälfte des Maximalbetrags (rund CHF 3'629) einzahlen und hebt dafür in der Säule 3b einen vielfach grösseren Sparhebel aus.
- Selbständigerwerbende ohne PK: Wer keine 2. Säule hat, kann sowohl die volle Säule-3a-Einlage als auch eine grosszügige Säule 3b nutzen — beide Säulen sind komplementär, nicht konkurrierend.
- Höherverdienende Angestellte: Wer ein Salär deutlich oberhalb des Koordinationsabzugs bezieht (typischerweise ab CHF 120'000+), erreicht mit der Pensionskasse allein oft keine ausreichende Vorsorge. Säule 3b schliesst diese Lücke.
- Teilzeitangestellte ohne PK: Wer unter der BVG-Eintrittsschwelle verdient, gehört zwar nominell zur vollen Säule-3a-Gruppe, kann aber zusätzlich freiwillig eine kleine Säule 3b führen — wenn das Einkommen die Mittel dazu hergibt.
Beitragslimit 2026: 20 % NEE, maximal CHF 34'416
Anders als bei der Säule 3a legt der Bundesrat bei der Säule 3b keinen jährlichen Maximalbetrag fest. In der Praxis haben sich aber zwei Anhaltspunkte durchgesetzt: rund 20 % des Nettoerwerbseinkommens (NEE) und ein Deckel von rund CHF 34'416 pro Jahr in den meisten Standardprodukten. Konkret:
| Vorsorge-Säule | Max 2026 (Angestellte mit PK) | Quelle des Limits |
|---|---|---|
| Säule 3a | CHF 3'629 (= 50 % von 7'258) | Bundesratsbeschluss |
| Säule 3b | ca. 20 % NEE / max. CHF 34'416 | Akzeptanzrichtlinien Anbieter |
| Kombiniert (Empfehlung) | CHF 3'629 (3a) + CHF 34'416 (3b) ≈ CHF 38'045 | komplementär, nicht konkurrierend |
Der «20 % NEE / CHF 34'416»-Wert ist keine Bundesratsverordnung, sondern eine gängige Praxisgrösse, die in den Akzeptanzrichtlinien grosser Versicherer und Banken ähnlich gehandhabt wird. Versicherer dürfen Einkommensteile über diesem Deckel nur in Ausnahmefällen versichern (z. B. Kaderversicherung mit Spezialvertrag). Wer deutlich mehr absetzen will, prüft deshalb vorgängig die Annahmerichtlinien des gewählten Anbieters.
Steuerersparnis: Säule 3a vs Säule 3b im Vergleich
Beide Säulen erlauben den Abzug als Vorsorgeaufwand vom steuerbaren Einkommen. Der effektive Steuerhebel hängt vom Grenzsteuersatz und der Höhe des einbezahlten Betrags ab. Hier zwei typische Beispiele für Angestellte mit PK in einem progressiven Kanton:
Produkte und Anbieter: klassisch, fondsgebunden oder Spar-3b?
Die Säule 3b wird in drei klassischen Produktformen angeboten. Welche Form passt, hängt vom Sicherheitsbedürfnis, Renditeziel und dem Wunsch nach Zusatzversicherungen ab:
- Klassisch (gebundene Police): garantierte Mindestverzinsung und garantierte Ablaufleistung. Oft kombiniert mit Todesfall- und Erwerbsunfähigkeitsschutz. Geeignet für sicherheitsorientierte Einzahler mit Familie oder Hypothek. Hauptanbieter: Allianz, Swiss Life, AXA, Generali, Mobiliar, Helvetia.
- Fondsgebunden (Unit-Linked): das Spargeld wird in einen oder mehrere Anlagefonds investiert. Höhere Renditechancen, höhere Risiken. Keine fixe Garantie, dafür volle Marktexposure. Geeignet für renditeorientierte Einzahler ohne kurzfristigen Bezugsbedarf. Anbieter: Swiss Life, AXA, diversen Versicherern und neuerdings Fintech-Lösungen.
- Spar-3b (Banksparform): Banksparplan ohne Versicherungsschutz, oft mit Vorzugszins. Maximale Flexibilität beim Bezug. Kein Ablebens- oder IV-Schutz. Anbieter: UBS, Raiffeisen, Kantonalbanken, PostFinance und viele Retailbanken.
Auszahlung: frei vereinbar, ohne statutarischen Mindestbezugstermin
Der grösste funktionale Unterschied zur Säule 3a: die Säule 3b hat keinen gesetzlich vorgeschriebenen Bezugstermin und kein fixiertes Mindestalter. Wer aus der Erwerbstätigkeit ausscheidet oder Kapital benötigt, kann den Bezug vertraglich frei vereinbaren — mit Vorlaufzeiten, die im Police- oder Sparvertrag stehen.
In der Praxis lohnen sich Bezüge in folgenden Lebenslagen:
- Pensionierung. Wer mit 64/65 aus der Erwerbstätigkeit ausscheidet, kann das 3b-Kapital auf einmal oder gestaffelt beziehen — frei wählbar pro Police oder Sparvertrag.
- Selbstgenutztes Wohneigentum. Auch Säule-3b-Polizen können für Wohneigentum vorbezogen oder verpfändet werden — anders als bei 3a ohne die 5-Jahres-Sperre pro Konto, aber je nach Police mit Sperrfristen.
- Scheidung / Tod. Bei Lebensereignissen werden 3b-Polizen oft Teil der güterrechtlichen Auseinandersetzung oder fallen in den Nachlass.
- Wegzug ins Ausland. Bei definitivem Wegzug aus der Schweiz wird die 3b-Police meist ausbezahlt — ohne die spezielle Wegzugsbesteuerung wie bei der Säule 3a.
Bezüge aus der Säule 3b werden als normales Erwerbseinkommen versteuert (Einkommenssteuer auf dem ausbezahlten Betrag, ohne die privilegierte Kapitalleistungssteuer der Säule 3a). Praktischer Tipp: grosse Bezüge auf mehrere Steuerjahre verteilen («Staffelung»), um die Progression zu brechen. Für die detaillierte Bezugsplanung lohnt sich ein Blick auf den Staffelungs-Planer.
Säule 3b mit 2. Säule (PK) und Säule 3a kombinieren
Die Säule 3b ist am wirkungsvollsten als Add-on zu einer bestehenden Pensionskasse und einer ausgeschöpften Säule 3a. Konkret empfiehlt sich für Angestellte mit PK diese jährliche Reihenfolge:
- Pensionskasse (2. Säule): PK-Einkaufspotenzial prüfen — direkt aus dem Vorsorgeausweis der PK. Höhere Einkäufe brechen die Progression oft stärker als 3a/3b-Einzahlungen, weil PK-Einkäufe in tiefere Progressionsstufen fallen können.
- Säule 3a voll ausschöpfen: bei PK-Zugehörigkeit die Hälfte der Maximalbeiträge (2026: CHF 3'629) einbezahlen. Mehrere 3a-Konten verteilen, um später beim Bezug staffeln zu können.
- Säule 3b drauflegen: mit der Differenz zum persönlichen Sparziel — typisch 20 % NEE, maximal CHF 34'416 pro Jahr und Police. Aufteilung auf mehrere Anbieter (z. B. ein klassischer Police-Anbieter + ein fondsgebundenes Produkt) erlaubt schrittweisen Bezug.
- Bezug staffeln: beim Pensionierungszeitpunkt PK-Kapital, Säule-3a-Kapital und Säule-3b-Kapital auf verschiedene Steuerjahre verteilen. Detail im Steuer-Staffelungs-Planer und im Anbietervergleich unter 3a-Anbieter im Vergleich.
PK-Einkauf, Säule-3a-Einlage und Säule-3b-Einzahlung sind alle Vorsorgeaufwand und werden in der Steuererklärung zusammengerechnet. Es gibt keine fixe kantonale Obergrenze für den Gesamt-Abzug, aber sehr grosse Beiträge (CHF 50'000+) sollten vorgängig mit der Steuerverwaltung oder einer Fachperson abgestimmt werden.
Häufige Fehler und Fallen bei der Säule 3b
Auch wenn die Säule 3b grundsätzlich einfach zu bedienen ist, gibt es einige wiederkehrende Fehler, die Geld kosten oder die Steuerersparnis schmälern:
- Den 3a-Hebel nicht vorgängig ausschöpfen. Wer mit voller Säule-3a-Einlage (oder der PK-Hälfte bei PK) noch freien Vorsorgeaufwand hat, sollte diesen zwingend nutzen, bevor er in die 3b einzahlt — beide Hebel sind komplementär und verdoppeln den Steuerhebel im gleichen Jahr.
- Nur den Deckel (CHF 34'416) einzahlen, ohne das NEE zu prüfen. Die 3b-Deckel von Versicherern und Banken orientieren sich an der Einkommenshöhe. Wer deutlich mehr als 20 % NEE einzahlt, riskiert eine Annahmeverweigerung oder eine reduzierte Steuerwirksamkeit. Faustregel: 20 % NEE ist das realistische Maximum.
- Eine teure klassische Police wählen ohne Vergleich. Klassische Policen mit hohem Garantiezins sind sicher, aber die effektive Rendite nach Kosten ist oft tief (1–2 % p.a.). Wer langfristig denkt, vergleicht fondsgebundene oder Sparprodukte.
- Bezug nicht planen und in ein einziges Jahr fallen lassen. Wer die 3b-Police beim Pensionierungszeitpunkt voll bezieht, fällt in eine hohe Progressionsstufe. Aufteilung auf mehrere Bezugsjahre (Staffelung) reduziert die effektive Steuerlast um 20–40 %.
- Vorbezug für Wohneigentum nicht mit PK / 3a abstimmen. Auch aus der Säule 3b kann für selbstgenutztes Wohneigentum vorbezogen oder verpfändet werden — die optimale Reihenfolge hängt von Zinssituation, Lebersplanung und Steuersituation ab und sollte mit einer Fachperson abgestimmt werden.